Firmicutes, Bacteroidetes und das Körpergewicht
Macht die Darmflora dick? Was hinter dem viel zitierten Bakterien-Verhältnis steckt.
Wie sicher ist die Forschung? Vertrauens-Score 2 von 5:Plausibel
Die Mausversuche sind eindeutig, die Studien am Menschen nicht: Ein Zusammenhang zwischen dem Bakterien-Verhältnis und Übergewicht ließ sich in einer Meta-Analyse nicht bestätigen.
Gesunder Zustand
Die meisten Bakterien im Darm gehören zu zwei großen Stämmen, den Firmicutes und den Bacteroidetes. Inzwischen heißen sie offiziell Bacillota und Bacteroidota, in Studien und Testberichten begegnen dir aber meist noch die alten Namen. Ein Stamm ist in der Biologie eine sehr grobe Ordnungsstufe, ungefähr so grob wie „Säugetiere“ gegenüber „Vögeln“. Daneben gibt es kleinere Gruppen wie die Actinobacteria (zu ihnen gehören die Bifidobakterien), die Proteobacteria (zu ihnen gehören E. coli und viele Enterobakterien) und die Verrucomicrobia (mit Akkermansia Ein Darmbakterium, das vom Schleim der Darmwand lebt und dessen Erneuerung anregt. Viel davon geht in Studien oft mit gutem Stoffwechsel einher. Mehr im Kapitel „Die Schleimschicht und Zusatzstoffe“).
Beide Hauptgruppen haben unterschiedliche Spezialitäten. Viele Bacteroidetes besitzen eine große Werkzeugkiste an Enzymen, um komplexe Pflanzenfasern, Pektine und sogar die Zuckerketten im Schleim der Darmwand zu zerlegen. Dabei entstehen vor allem Acetat und Propionat. Zu den Firmicutes zählen viele Butyratbildner wie Faecalibacterium und Roseburia, aber auch Milchsäurebakterien, Sporenbildner und viele Arten, von denen du nie gehört hast. Beide Gruppen füttern sich gegenseitig, wie im Kapitel zu den Kurzkettige Fettsäuren Säuren wie Acetat, Propionat und Butyrat, die Darmbakterien aus Ballaststoffen bilden. Sie nähren die Darmwand und wirken im ganzen Körper. Mehr im Kapitel „Butyrat und andere kurzkettige Fettsäuren“ beschrieben.
Beide Gruppen umfassen Hunderte sehr verschiedener Arten. Ein Bakterium aus den Firmicutes kann nützlich sein wie Faecalibacterium oder ein Krankheitserreger wie Clostridioides difficile Ein Bakterium, das sich nach Antibiotika ausbreiten kann und mit seinen Giften schweren Durchfall auslöst. Mehr im Kapitel „Nach Antibiotika: C. difficile und die Stuhltransplantation“ oder Staphylococcus aureus. Schon deshalb sagt die Zugehörigkeit zu einem Stamm wenig über die Wirkung einer Art aus.
Das Verhältnis der beiden Stämme ist außerdem keine feste Größe. In einer Studie mit Säuglingen, Erwachsenen und älteren Menschen lag es bei etwa 0,4, bei etwa 11 und bei etwa 0,6. Es ändert sich also im Lauf des Lebens stark, ohne dass dahinter eine Krankheit stehen müsste. Auch die Ernährung verschiebt die Anteile schon innerhalb weniger Tage, und die Zeit, die der Darminhalt im Dickdarm verbringt, beeinflusst, wer dort gedeiht: Bei langsamer Passage wird mehr Eiweiß vergoren und weniger Kohlenhydrat, und die Zusammensetzung ändert sich.
Noch eine technische Besonderheit: Stuhltests und Studien messen meist Anteile, keine Mengen. Steigt der Anteil einer Gruppe, muss der Anteil der anderen sinken, auch wenn sich bei ihr in absoluten Zahlen nichts getan hat. Und eine Stuhlprobe zeigt vor allem, was im Inneren des Dickdarms lebt. Was an der Schleimhaut sitzt oder im Dünndarm, bildet sie nur ungenau ab.
Gestörter Zustand: Ursachen und Folgen
Der Ausgangspunkt der Idee waren Mausversuche. Bei übergewichtigen Mäusen fanden Forschende mehr Firmicutes und weniger Bacteroidetes. Die Mikrobiom, Darmflora Die Gemeinschaft aller Mikroben im Darm, vor allem Bakterien, dazu Viren, Pilze und Archaeen. Die meisten leben im Dickdarm. Mehr im Kapitel „Mikrobielle Vielfalt aufbauen“ dieser Tiere holte mehr Energie aus der Nahrung, und übertrug man sie auf keimfreie Mäuse, nahmen diese stärker zu. Aus diesem Befund wurde schnell eine Faustregel für Menschen: viele Firmicutes, wenig Bacteroidetes, mehr Gewicht. Dabei leben Labormäuse unter streng kontrollierten Bedingungen mit einheitlichem Futter, Menschen dagegen nicht.
Beim Menschen hält die Faustregel nicht stand. Eine Meta-Analyse Eine Auswertung, die die Ergebnisse mehrerer Studien zusammenrechnet. Sie ist nur so gut wie die Studien, die sie einschließt. von zehn Studien fand keinen Zusammenhang zwischen dem Verhältnis und Übergewicht, wohl aber einen schwachen mit geringerer Vielfalt. Eine Übersichtsarbeit nennt das Verhältnis ein fragwürdiges Merkmal, weil Messmethoden, Ernährung, Bewegung, Alter und Medikamente die Werte stark verändern. Bei Kindern berichten einige Übersichten dagegen häufiger von einem Zusammenhang. Auch das ist kein Beweis für eine Ursache: Kinder mit Übergewicht essen oft anders als schlanke, und die Forschung kann nicht trennen, was zuerst da war.
Dass die Darmflora mit Stoffwechsel und Gewicht zu tun haben kann, ist damit nicht ausgeschlossen. Es gibt plausible Wege: Bakterien setzen aus Ballaststoffen kurzkettige Fettsäuren frei, die einen kleinen Teil der Tagesenergie liefern, und diese Stoffe wirken zugleich als Signale für Sättigungshormone wie GLP-1 Hormon aus der Darmwand, das nach dem Essen die Insulinabgabe steuert, den Magen bremst und satt macht. Abnehmspritzen ahmen es nach. Mehr im Kapitel „GLP-1 aus dem Darm: was Bakterien leisten und was „natürliches Ozempic“ nicht kann“. Wie stark all das beim einzelnen Menschen ins Gewicht fällt, ist nicht geklärt, und es hängt eher von einzelnen Arten und ihren Fähigkeiten ab als von der Zugehörigkeit zu einem Stamm.
Meldet ein kommerzieller Stuhltest ein „ungünstiges Firmicutes-Bacteroidetes-Verhältnis“, ist das deshalb keine verlässliche Aussage über dein Gewicht oder deine Gesundheit. Hinzu kommt, dass Tests verschiedener Anbieter für dieselbe Probe unterschiedliche Ergebnisse liefern können. Und dieselbe Person kann an zwei Tagen unterschiedlich abschneiden.
Stabiler hängt beim Menschen eine geringere Vielfalt mit Übergewicht zusammen, wobei offen ist, was Ursache und was Folge ist. Auch das Umfeld spielt mit: Menschen mit viel verarbeiteter Kost und wenig Ballaststoffen haben oft beides, ein höheres Gewicht und eine ärmere Darmflora, ohne dass das eine das andere verursachen müsste. Wer abnehmen möchte, sollte seine Energie also nicht auf eine Verhältniszahl richten, sondern auf Dinge, deren Nutzen am Menschen gezeigt ist.
Was oft hilft
Lebensstil
Ernährung, Bewegung, Schlaf, Kontakte und Stressumgang.
- Auf Vielfalt achten statt auf Verhältniszahlen Eine abwechslungsreiche, pflanzenreiche Kost fördert die Vielfalt. Das ist sinnvoller, als einem bestimmten Verhältnis zweier Bakteriengruppen nachzujagen. Plausibel So bewerten wir die Studienlage Gesichert Empfehlung in ärztlichen Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Meta-Analysen randomisierter Studien am Menschen. Gut belegt Mehrere randomisierte Studien am Menschen mit überwiegend gleichem Ergebnis. Vielversprechend Einzelne randomisierte oder kontrollierte Studien am Menschen, noch nicht unabhängig bestätigt – oder viele übereinstimmende Beobachtungsstudien. Plausibel Zwei Fälle: erste Beobachtungs- oder Pilotstudien mit kleinen Fallzahlen – oder eine gesicherte Grundlage, die fachlich unbestritten ist, etwa Bewegung, Schlaf oder Esspausen. Am Menschen aber nicht an Beschwerden geprüft. Experimentell Am Menschen kaum untersucht. Vor allem Labor- und Tierversuche oder theoretische Überlegungen; ob es hilft, ist offen. [1]
- Bewegung Regelmäßiges Ausdauertraining veränderte in einer Studie die Darmflora hin zu mehr Butyratbildnern, bei schlanken Menschen stärker als bei übergewichtigen. Dass die Bewegung selbst beim Gewicht hilft, ist unabhängig davon gut belegt. Plausibel So bewerten wir die Studienlage Gesichert Empfehlung in ärztlichen Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Meta-Analysen randomisierter Studien am Menschen. Gut belegt Mehrere randomisierte Studien am Menschen mit überwiegend gleichem Ergebnis. Vielversprechend Einzelne randomisierte oder kontrollierte Studien am Menschen, noch nicht unabhängig bestätigt – oder viele übereinstimmende Beobachtungsstudien. Plausibel Zwei Fälle: erste Beobachtungs- oder Pilotstudien mit kleinen Fallzahlen – oder eine gesicherte Grundlage, die fachlich unbestritten ist, etwa Bewegung, Schlaf oder Esspausen. Am Menschen aber nicht an Beschwerden geprüft. Experimentell Am Menschen kaum untersucht. Vor allem Labor- und Tierversuche oder theoretische Überlegungen; ob es hilft, ist offen. [2]
- Ballaststoffreiche Vollkornkost Meta-Analysen von Beobachtungs- und Interventionsstudien sehen bei höherer Ballaststoffzufuhr und mehr Vollkorn niedrigeres Körpergewicht und weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein Teil dieser Wirkung läuft vermutlich über Sättigung und Blutzucker, ein Teil möglicherweise über die Darmflora. Gut belegt So bewerten wir die Studienlage Gesichert Empfehlung in ärztlichen Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Meta-Analysen randomisierter Studien am Menschen. Gut belegt Mehrere randomisierte Studien am Menschen mit überwiegend gleichem Ergebnis. Vielversprechend Einzelne randomisierte oder kontrollierte Studien am Menschen, noch nicht unabhängig bestätigt – oder viele übereinstimmende Beobachtungsstudien. Plausibel Zwei Fälle: erste Beobachtungs- oder Pilotstudien mit kleinen Fallzahlen – oder eine gesicherte Grundlage, die fachlich unbestritten ist, etwa Bewegung, Schlaf oder Esspausen. Am Menschen aber nicht an Beschwerden geprüft. Experimentell Am Menschen kaum untersucht. Vor allem Labor- und Tierversuche oder theoretische Überlegungen; ob es hilft, ist offen. [3]
Natürliche Supplemente
Nahrungsergänzung ersetzt keine Abklärung. Dosierung und Wechselwirkungen besprich mit Ärztin, Arzt oder Apotheke.
- Keine Präparate gegen ein „falsches Verhältnis“ Probiotika oder Pulver, die das Verhältnis verbessern sollen, haben keine belegte Wirkung auf das Gewicht. Experimentell So bewerten wir die Studienlage Gesichert Empfehlung in ärztlichen Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Meta-Analysen randomisierter Studien am Menschen. Gut belegt Mehrere randomisierte Studien am Menschen mit überwiegend gleichem Ergebnis. Vielversprechend Einzelne randomisierte oder kontrollierte Studien am Menschen, noch nicht unabhängig bestätigt – oder viele übereinstimmende Beobachtungsstudien. Plausibel Zwei Fälle: erste Beobachtungs- oder Pilotstudien mit kleinen Fallzahlen – oder eine gesicherte Grundlage, die fachlich unbestritten ist, etwa Bewegung, Schlaf oder Esspausen. Am Menschen aber nicht an Beschwerden geprüft. Experimentell Am Menschen kaum untersucht. Vor allem Labor- und Tierversuche oder theoretische Überlegungen; ob es hilft, ist offen.
Medizinische Eingriffe
Information, keine Behandlungsempfehlung. Entscheide gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt. Zulassung und Verfügbarkeit unterscheiden sich je nach Land.
- Gewicht ärztlich begleiten lassen Für das Abnehmen sind Ernährungsumstellung, Bewegung und bei Bedarf Medikamente gut belegt. Die Darmflora ist bisher kein Ansatzpunkt mit nachgewiesenem Nutzen. Lass auch Ursachen wie Schilddrüse oder Medikamente abklären, die das Gewicht beeinflussen. Gut belegt So bewerten wir die Studienlage Gesichert Empfehlung in ärztlichen Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Meta-Analysen randomisierter Studien am Menschen. Gut belegt Mehrere randomisierte Studien am Menschen mit überwiegend gleichem Ergebnis. Vielversprechend Einzelne randomisierte oder kontrollierte Studien am Menschen, noch nicht unabhängig bestätigt – oder viele übereinstimmende Beobachtungsstudien. Plausibel Zwei Fälle: erste Beobachtungs- oder Pilotstudien mit kleinen Fallzahlen – oder eine gesicherte Grundlage, die fachlich unbestritten ist, etwa Bewegung, Schlaf oder Esspausen. Am Menschen aber nicht an Beschwerden geprüft. Experimentell Am Menschen kaum untersucht. Vor allem Labor- und Tierversuche oder theoretische Überlegungen; ob es hilft, ist offen.
- Stuhltests mit Vorsicht lesen Eine Analyse kommerzieller Mikrobiom-Tests zeigte, dass die Messqualität je nach Anbieter schwankt. Bring solche Ergebnisse nicht als Diagnose in die Sprechstunde, sondern als Gesprächsanlass, und lass Entscheidungen nicht davon abhängen. Vielversprechend So bewerten wir die Studienlage Gesichert Empfehlung in ärztlichen Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Meta-Analysen randomisierter Studien am Menschen. Gut belegt Mehrere randomisierte Studien am Menschen mit überwiegend gleichem Ergebnis. Vielversprechend Einzelne randomisierte oder kontrollierte Studien am Menschen, noch nicht unabhängig bestätigt – oder viele übereinstimmende Beobachtungsstudien. Plausibel Zwei Fälle: erste Beobachtungs- oder Pilotstudien mit kleinen Fallzahlen – oder eine gesicherte Grundlage, die fachlich unbestritten ist, etwa Bewegung, Schlaf oder Esspausen. Am Menschen aber nicht an Beschwerden geprüft. Experimentell Am Menschen kaum untersucht. Vor allem Labor- und Tierversuche oder theoretische Überlegungen; ob es hilft, ist offen. [4]
Lust auf etwas ganz anderes? Noch eins, zufällig
So bewerten wir die Studienlage
- Vertrauens-Score 5 von 5:Gesichert
- Empfehlung in ärztlichen Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Meta-Analysen randomisierter Studien am Menschen.
- Vertrauens-Score 4 von 5:Gut belegt
- Mehrere randomisierte Studien am Menschen mit überwiegend gleichem Ergebnis.
- Vertrauens-Score 3 von 5:Vielversprechend
- Einzelne randomisierte oder kontrollierte Studien am Menschen, noch nicht unabhängig bestätigt – oder viele übereinstimmende Beobachtungsstudien.
- Vertrauens-Score 2 von 5:Plausibel
- Zwei Fälle: erste Beobachtungs- oder Pilotstudien mit kleinen Fallzahlen – oder eine gesicherte Grundlage, die fachlich unbestritten ist, etwa Bewegung, Schlaf oder Esspausen. Am Menschen aber nicht an Beschwerden geprüft.
- Vertrauens-Score 1 von 5:Experimentell
- Am Menschen kaum untersucht. Vor allem Labor- und Tierversuche oder theoretische Überlegungen; ob es hilft, ist offen.
Quellen
- Sze & Schloss 2016: Meta-Analyse von 10 Studien zu Darmflora und Übergewicht (mBio)
- Allen et al. 2018: Ausdauertraining verändert die Darmflora, unabhängig von der Ernährung (Medicine & Science in Sports & Exercise)
- Reynolds et al. 2019: Kohlenhydratqualität und Gesundheit, Meta-Analysen (Lancet)
- Servetas et al. 2026: Analytische Qualität kommerzieller Mikrobiom-Tests, Studie von University of Maryland und NIST (Communications Biology)
- Turnbaugh et al. 2006: Darmflora übergewichtiger Mäuse holt mehr Energie aus der Nahrung (Nature)
- Magne et al. 2020: Ist das Firmicutes-Bacteroidetes-Verhältnis ein Merkmal für Übergewicht? (Nutrients)
- Mariat et al. 2009: Das Firmicutes-Bacteroidetes-Verhältnis ändert sich mit dem Alter, qPCR bei Säuglingen, Erwachsenen und Älteren (BMC Microbiology)
- Roager et al. 2016: Die Transitzeit im Dickdarm hängt mit Zusammensetzung, Vielfalt und Stoffwechsel der Darmflora zusammen (Nature Microbiology)
- David et al. 2014: Ernährung verändert das Darmmikrobiom schnell, tierische vs. pflanzliche Kost (Nature)
- Tolhurst et al. 2012: Kurzkettige Fettsäuren regen GLP-1 über FFAR2 an (Diabetes)
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